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Rheinerlei in der Agentur für Diebstahl – COMEDIA-Theater

///Rheinerlei in der Agentur für Diebstahl – COMEDIA-Theater

Rheinerlei in der Agentur für Diebstahl – COMEDIA-Theater

Ich glaube, ich muss hier mal etwas klarstellen. Zu häufig wurden mir bisher Aussagen an den Kopf geworfen, die bei mir nur ungläubiges Kopfschütteln auslösten. Ich habe weder ein Problem mit dem Kapitalismus an sich, noch mit der Leistungsgesellschaft. Im Gegenteil. Ich sehe beides als essentiell an. Argwöhnisch werde ich jedoch, sobald diese beiden gesellschaftlich relevanten Konstrukte Auswüchse annehmen, die sich in unkontrollierbare Sphären erheben, die Menschen ausbeuten und auf der Strecke lassen und die das gesellschaftliche Allgemeinwohl auf eine harte Probe stellen, bzw. es komplett aufheben. Mittlerweile, so scheint es mir, hat der Kapitalismus jedoch genau diese Sphären erreicht. Dabei kommen mir sofort Banken in den Sinn, die trotz Bankenkrise lustig weiter spekulieren und Gehälter auszahlen, die auf Kosten der Steuerzahler gehen. Mir kommen Wachstumsprognosen in den Sinn, bei denen sich Anteilseigner sofort ins Hemd machen, sobald von einem Rückgang des Wachstums die Rede ist. Und ich muss an die stetig steigende Erhöhung des Verteidigungsetats denken, die zwar die Wirtschaft ankurbelt, aber ebenso dazu führt, dass unsere Politiker deswegen weniger Geld in Bildung, in die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und der Armut sowie dem Ausgleich bestehender Ungerechtigkeiten in Deutschland stecken, als es vielleicht nötig wäre. Einsame Spitze…

Das macht jetzt wahrscheinlich nicht den Eindruck einer Rezension zu einem Theaterstück. Wahrscheinlich liest sich das eher wie ein Rundumschlag gegen Politiker und reiche Menschen. Doch das wäre zu kurz gedacht. Denn genau mit dieser Thematik spielt die Produktion „Agentur für Diebstahl“, die nun ihre Premiere im COMEDIA-Theater feierte. Inspiriert von Italo Calvinos Gleichnis „Das schwarze Schaf“ umgibt sie sich nämlich mit einem Kapitalismusverständnis, das sich auf Ausbeutung und Kleinhaltung der arbeitenden Bevölkerung stützt und die gleichwohl das Konstrukt zwischen Arm und Reich näher beleuchtet.

Die Inszenierung stellt dabei überaus deutlich und auf einfache und leicht verständliche Art und Weise heraus, was an einem System falsch ist, das sich mit Profitmaximierung und Gleichgültigkeit gegenüber Menschen, die weniger haben, schmückt. Reichtum und Erfolg, der auf Diebstahl und Ausbeutung aufgebaut wurde, werden dabei ebenso kritisch beäugt wie der stetige gesellschaftliche Schrei nach Gleichberechtigung. Ein Schrei, der mittlerweile allgegenwärtig erscheint und allzu gerne inflationär benutzt wird.

Die Produktion erforscht dahingehend die Grenzen der Gleichberechtigung, zeigt auf, dass Gleichberechtigung nicht auf allen Ebenen funktionieren kann, und es auch nicht muss, und dass es nötig ist, den schmalen Grat zwischen gesunder und zerstörerischer Gleichberechtigung zu finden, alles vor dem Hintergrund kapitalistischer Auswüchse, die zu erzwungenen Ungleichheiten führen und diese sogar noch verstärken. Was würde passieren, wären alle Menschen gleich? Was würde geschehen, gäbe es keine Unterscheidung zwischen Reichtum und Armut? Würde das der Gesellschaft nutzen? Oder eher schaden?

Dabei leistete die Premierenklasse großen Einfluss zur Findung dieser Fragestellungen. Wie bei der COMEDIA oftmals üblich begleitete abermals eine Schulklasse die Produktion der Inszenierung und dieses Mal beschäftigte sie sich im Vorfeld, anhand diverser Spiele und Übungen, mit den Themen Gerechtigkeit, Macht und Spielregeln. So eröffnete die 2. Klasse der KGS Trier Straße dem Ensemble ganz neue Blickwinkel und Herangehensweisen, wie mit der Auseinandersetzung von Arm und Reich umzugehen sei. „Wenn einige der Kinder mit dem Titel des Stücks (Agentur für Diebstahl) Agentur für Arbeit assoziieren, dann merkt man, dass Armut schon im jungen Kindesalter ein Thema ist“, sagt dazu die Regisseurin der Aufführung, Anna Vera Kelle. „Dadurch haben wir einen ganz anderen Zugang zu der Thematik gefunden. Vor allem, weil sich die Vorstellungen der Kinder von den unsrigen zum Teil stark unterschieden haben.“ Wäre es nicht langweilig, wenn alle gleich sind? Geht die Welt ohne eine Unterscheidung zwischen Arm und Reich kaputt? Und wer hätte dann überhaupt das Sagen? Oder könnte eine Welt ganz ohne Regeln wirklich funktionieren?

Die Nutzung der Requisite stimmt in diesen Tenor der Unwägbarkeiten und Gegensätze mit ein und beschränkt sich auf nur wenige Dinge, die einfach nur Dinge sind und die das Verhältnis von Besitz und Macht, die Verteilung von Reichtum und sich damit ergebenden Möglichkeiten, durch einen intelligenten, witzigen und präzisen Einsatz adäquat darstellen. Vor zum Schauspiel passenden, an die Wand projizierten Illustrationen entsteht so eine Kulisse, die mal mittelalterlich und spartanisch wirkt, mal überladen und chaotisch und die sich stetig wandelt. Und die dabei aus Dingen besteht, die wir alle haben wollen, und die doch nur irgendwelche Dinger sind, die nur die wenigsten von uns brauchen.

Also, nochmal zum Mitschreiben. Ich habe weder ein Problem mit Kapitalismus, noch mit Reichtum. Doch ein System, das unentwegt auf Wachstum und Profit ausgelegt ist, Menschen hungern lässt und Egozentrismus in den Mittelpunkt stellt, das kann auf Dauer nicht gut gehen. Oder? Worin liegen die Grenzen des Kapitalismus? Sollte der Kapitalismus nicht einen gewissen gesellschaftlichen, sozialen und infrastrukturellen Wohlstand erzeugen, diesen halten und sukzessiv verbessern, aber auch abgehängte Menschen fortan unterstützen? Sollte er Menschen nicht helfen aufzuholen, statt sie weiter auszubooten, klein zu halten und mit immer neuartigeren technischen Innovationen abzuspeisen? Sollte es nicht weniger um das im Kapitalismus stetig verteidigte Prinzip von Angebot und Nachfrage gehen als um eine Ausgewogenheit zwischen Angebot und Nachfrage sowie kulturellen, gesellschaftlichen und sozialen Bedürfnissen? Führt eine zu enge Verzahnung auf das Angebot-Nachfrage-Prinzip nicht letzten Endes dazu, dass sich die meisten Menschen dem zuneigen, das den einfachsten Zugang und das für sie bequemste Verhalten nach sich zieht? Warum heißt soziale Marktwirtschaft soziale Marktwirtschaft, wenn sie gar keine soziale Marktwirtschaft ist? Und ist es wirklich unausweichlich, dass sich Anstand und Moral im Kapitalismus ausschließen und durch Gier und Trieberfüllung ersetzt werden? Irgendwie hat die Aufführung bei mir mehr Fragen verursacht, als sie lösen konnte. Aber solange es Menschen gibt, die sich selbst als Mittelpunkt des Universums sehen und nur zu ihrem eigenen Vorteil wirtschaften, solange das Ego die Welt regiert, solange wird sich an diesen Zuständen nichts ändern. Aber erfahrt doch einfach selbst, wie all dies in der „Agentur für Arbeit“ umgesetzt wird. Es lohnt sich auf jeden Fall. Wir wünschen viel Spaß.

Fotos: MEYER ORIGINALS

Zeiten:

16. Juni 2019:
16:00 Uhr

15. Juli 2019:
10:30 Uhr

16. Juli 2019:
10:30 Uhr

Preise:

Kinder: 6,00 €*
Erwachsene: 9,00 €*
Schulen/Kindergärten:
5,00 €*
Familen-/Gruppenkarte:
30,00 €* (für 5 Personen, jede weitere Person zahlt 6,00 €)

*zzgl. VVK-Gebühren

Kontaktdaten und Anfahrtsbeschreibung:

COMEDIA Theater
Adresse: Vondelstraße 4-8, 50677 Köln
Telefon: 0221 – 888 77 222
Webseite:
www.comedia-koeln.de/kindertheater/programm/agentur-fuer-diebstahl-6.hmtl
KVB:
Linien 15, 16, 17: Chlodwigplatz
Linien 15, 16: Ulrepforte

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2019-05-06T17:03:19+02:00