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„Dieser Kapitalismus macht vieles kaputt“ – Ein Interview mit dem Horizont Theater

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„Dieser Kapitalismus macht vieles kaputt“ – Ein Interview mit dem Horizont Theater

2020-05-07T11:23:43+02:00By |

Das Horizont Theater und die Corona-Krise

Christos Nicopoulos leitet seit nunmehr dreizehn Jahren das Horizont Theaters am Thürmchenswall, nicht ohne die ein oder andere schwierige Situation erfolgreich hinter sich gelassen zu haben. Und das, obwohl das hauptsächlich auf Kinder- und Jugendtheater ausgerichtete Haus zu jenen Einrichtungen gehört, die keine regelmäßige Subventionierung erhalten und die sich durch ihre eigene Arbeitsleistung finanzieren. Doch wie schwer die Zeiten auch waren, keine Krise wirkte sich so existenzgefährdend auf das Theater aus, wie es die Corona-Krise nun macht. Horrende Kosten stehen Nuller-Einnahmen gegenüber, das Theater steht kurz vor dem Konkurs. „Wenn wir keine Unterstützung bekommen, oder wenn wir im Mai nicht wieder öffnen, dann sieht es ganz schlecht aus. Wir brauchen Hilfe. Jetzt!“

Im Jahre 1989 kam Christos Nicopoulos nach Köln. Als studierter Regisseur interessierte den gebürtigen Athener vor allen Dingen die Entwicklung der Theaterszene nach der Wende. „Ich lebte damals in England. Aber diese Situation besaß für mich so ein großes Potenzial, dass ich wegen ihr nach Deutschland kam.“ Seither wohnt er in der Heimatstadt des Doms – und er kann sich keine andere Heimat mehr vorstellen. „Köln ist mein Zuhause, hier ist es wie in Athen. Es ist schmutzig, aber auch unglaublich menschlich und herzlich. Und die Theaterszene, das war ja für mich ganz wichtig, die sucht ihresgleichen.“ Die vielen kleinen Theater, die sich über die ganze Stadt verteilen und die dadurch jedem Interessierten unkomplizierten und nachbarschaftlichen Zugang zur Theatersphäre gewähren, diesen Aspekt wisse er unglaublich zu schätzen. „Wir selbst sind sehr verbunden im Dreieck zwischen Agnes-, Eigelstein- und Kunibertsviertel“, sagt Christos. „Wir liegen in unmittelbarer Umgebung zweier Bahnhöfe, direkt am Ebertplatz. Für die Schulen und Kindergärten ist diese Lage perfekt.“ Deswegen sei, sollte die Krise das Theater nach dessen 30-jährigen Bestehen in die Insolvenz treiben, auch keine neue Spielstätte geplant. „Wir gehören einfach hier hin. Wenn wir schließen müssen, dann schließen wir endgültig. Das wäre allerdings wirklich schade, deswegen jetzt aufgeben zu müssen.“

Theater lebt von der Hand in den Mund

Etwa 80 Aufführungen finden pro Monat auf den Bühnen des Horizont Theaters statt. Dazu gehören neben Kinder-, Jugendlichen und Erwachsenen-Theater auch Stücke für die „Krabbelgruppe“, wie er so schön sagt. Im Foyer des Hauses finden Familien stets einen Ort, an dem sie mit ihren Kindern einen abenteuerlichen Ausflug unternehmen können. „Viele Familien wohnen um die Ecke und kommen regelmäßig zu uns. Wenn man mich fragt, ist Theater gerade für das jüngere Publikum enorm wichtig. Das Zusammen-Lachen, das Miteinander-Agieren, das prägt einen Menschen im jungen Alter. Und das ist auch seit jeher eines unser Hauptanliegen gewesen.“

Um zu überleben, ist das Theater auf eine regelmäßige Auslastung angewiesen. Für die Kostendeckung müssen von den 99 Plätzen durchschnittlich 70 belegt sein. Christos selbst arbeitet ehrenamtlich im Haus. „Wir leben von der Hand in den Mund, Reserven anzulegen ist für uns unvorstellbar“, sagt er. „Und das, obwohl es in den letzten Monaten so gut lief.“ Allein die Miete beträgt fast 3.000 Euro im Monat. Bei Kartenpreisen von je sieben Euro müssen monatlich mehr als 400 Karten verkauft werden, nur um die Mietkosten zu stemmen. Darauf kommen noch die übrigen Fixkosten sowie die Gagen für die freischaffenden Künstlerinnen und Künstler. „Dieser Kapitalismus, er macht vieles kaputt“, sagt Christos und trotz seiner freundlichen Stimme schwingt ein wenig Wut in ihr mit. „Man kauft etwas, was man nicht braucht, nur um über die Abschreibungen Steuern zu sparen. Und die Kultur leidet darunter. Wo das hinführt, das sieht man nun allerorts.“

Gutscheinaktion und die „Theaterengel“ sorgen für Lichtblicke

Aber er wolle nicht meckern, es sei „toll, dass das Theater seit über 30 Jahren besteht“. Nun wolle er abwarten, wie sich die Lage entwickelt. Um wenigstens einen geringen Teil der weggebrochenen Einnahmen auffangen zu können, verkauft das Theater momentan Gutscheine und im Rahmen der „Theaterengel“-Initiative bieten die Schauspielerinnen und Schauspieler des Hauses Lesungen für Kinder und Senioren an. „Wir wollen mit unserem Publikum natürlich in Kontakt bleiben. Und wir wollen auch ein bisschen helfen – vor allem Menschen, die aufgrund der Situation auf sich allein gestellt und nun alleine zu Hause sind. Ein bisschen Ablenkung hat noch nie jemandem geschadet und so wäscht eine Hand die andere. Wir freuen uns auf jeden Fall darauf, bald wieder direkten, persönlichen zwischenmenschlichen Kontakt feiern zu können und wir sind optimistisch, dass diese Krise auch etwas Gutes mit sich bringt. Und wer weiß, vielleicht feiern wir diese Kontakte ja wieder hier im Horizont Theater.“

Foto1: Das Horizont Theater – Wie so viele Häuser derzeit noch geschlossen.
Foto2: Anne Barth – Christos Nicopoulos macht deutlich, wie die aktuelle Lage aussieht. 

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Anmerkungen:

Das Interview wurde am 27. April 2020 geführt. Bisher hat sich an der Lage des Theaters allerdings noch nicht viel geändert.

Wer Interesse hat, Gutscheine zu kaufen oder die „Theaterengel“-Initiative in Anspruch zu nehmen, erreicht das Theater unter folgenden Daten:

www.horizont-theater.de
Tel.: 0221 – 13 16 04
E-Mail-Adresse: mail@horizont-theater.de

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