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Lucia Moholy. Fotogeschichte schreiben – Museum Ludwig

///Lucia Moholy. Fotogeschichte schreiben – Museum Ludwig

Lucia Moholy. Fotogeschichte schreiben – Museum Ludwig

2020-01-15T02:58:09+02:00By |

Lange Zeit kämpfte die Fotografie darum, als eigenständige Kunstform wahrgenommen zu werden. Das haben wir in einem unserer Berichte über eine Ausstellung im Museum Ludwig zwar schon einmal näher erörtert, eine explizite Profilierung maßgeblicher und wichtiger Künstlerinnen oder Künstler sucht man bei uns aber weiterhin vergebens. Welche Personen hatten erheblichen Einfluss auf die Geschichte der Fotografie? Und was genau taten sie, um die Fotografie als Kunstform voranzutreiben? Die Ausstellung „Lucia Moholy. Fotogeschichte schreiben“ im Museum Ludwig verschaffte uns nun die perfekte Gelegenheit, sich einmal tiefergehend mit einer der wichtigsten Personen der Fotografiegeschichte auseinanderzusetzen und ebenjene in diesem Rahmen ein wenig in den Mittelpunkt zu rücken: Lucia Moholy. Wir haben die Kuratorin Miriam Szwast zu einem Rundgang durch die Ausstellung getroffen und ihr auf den Zahn gefühlt, welche Ziele das Museum Ludwig mit der Ausstellung verfolgt und inwiefern Lucia Moholy diese Würdigung überhaupt verdient.

Rheinerlei: Frau Szwast, die Bauhaus-Schule beherbergte einige große Fotografen: Walter Peterhans, László Moholy-Nagy oder Erich Consemüller. Warum stellt das Ludwig ausgerechnet die Arbeiten von Lucia Moholy in den Fokus?

Miriam Szwast: Warum nicht? Lucia Moholy ist diejenige, die unser Bild des Bauhaus mit ihren Aufnahmen von Gebäuden und Produkten maßgeblich prägte. Darüber hinaus war ihre Zeit am Bauhaus, 1923 bis 1928, nur ein Kapitel in einem langen, der Fotografie auf vielerlei Weise verbundenen Leben. Uns ist es wichtig zu zeigen, welchen immensen Einfluss Moholy auf die Geschichte der Fotografie sowohl in der Praxis wie auch in der Theorie hatte und welch bedeutende Vorreiterrolle sie einnahm. Sie hat schon früh verstanden, wie eng in der Fotografie die Technik und der künstlerische Blick zusammenhängen und dass die Fotografie eben nicht nur eine simple Abbildung einzelner Ausgenblicke ist.

R: Konnte sie diesen Wall an Gleichgültigkeit gegenüber künstlerischer Fotografie, der sich jene gerade zu Beginn des 20. Jahrhunderts ausgesetzt sah, wirklich schon so früh durchbrechen?

S: Jein. In der Bauhaus-Schule war sie vor allem für Produkt- und Architekturfotografie zuständig, sie arbeitete dabei aber stets mit einem künstlerischen Anspruch. Als die Fotografie als Lehrfach beim Bauhaus 1929 integriert wurde, war Moholy schon nicht mehr in Dessau. Stattdessen verfolgte sie neben ihrer Tätigkeit als Fotografin ihr Vorhaben ein Buch über die Fotografie zu schreiben. Und mit „A Hundred Years of Photography 1839 – 1939“ schuf sie ein wichtiges Werk der Fotografiegeschichte, das noch Jahrzehnte später ihre Gültigkeit beweisen sollte und das noch heute aktuell ist. Es war eines der meistverkauften Bücher zur Geschichte der Fotografie und erschien anlässlich ihrer Hundertjahrfeier. 40.000 Exemplare verkauften sich, das heißt 40.000 Leserinnen und Leser lasen Moholys Darstellung einer Fotografie als Kunst. Sie popularisierte damit Ideen der Avantgarde und beeinflusste nachweislich Fotografinnen und Fotografen, Sammlerinnen und Sammler.

R: Sie war ihrer Zeit also voraus?

S: Ja, absolut. Das wird gerne mal vergessen, wenn es darum geht, welche Werke und welche Personen erheblichen Einfluss auf die Geschichte der Fotografie hatten. Und genau deshalb dreht sich unsere Ausstellung auch nicht nur um die Werke Moholys, sondern im Spezifischen um diesen Text und um dessen Wirkung, die so weitreichend spürbar war.

R: Woran lag bzw. liegt denn dieses Vergessenwerden? Daran, dass Moholy eine Frau war in einer Zeit, in der die Gesellschaft noch stark von patriachalischen Strukturen durchzogen war? Walter Gropius beispielsweise hielt ihre Arbeiten, die sie an der Bauhaus-Schule machte, über Jahrzehnte hinweg zurück, verkaufte und präsentierte sie, ohne Moholy als Urheberin zu nennen. 

S: Vielleicht. 1985 erst veröffentlichte Rolf Sachsse eine erste Monografie zu Moholy, in engem Austausch mit der damals schon über 80-jährigen Fotografin. Sie hatte also das Glück, noch zu Lebzeiten die Anfänge Ihrer Wiederentdeckung zu erleben. Der Zeitpunkt war günstig, denn in den 1970er Jahren begann die Fotografie weithin Einzug in die Kunstmuseen zu halten, erste Galerien eröffneten für Fotografie. Und ja, Moholy erhielt erst Ende der 1950er Jahre ihre Negative von Walter Gropius zurück und konnte damit beginnen, ihren Namen als Fotografin bekannt zu machen. Ab dem Augenblick konnte sie sich also selbst in die Fotogeschichte einschreiben. In der Präsentation geht es aber auch um ihr Schreiben. Ein spannendes Exponat der Präsentation ist deswegen auch ein Briefwechsel zwischen ihr und Erich Stenger aus dem Jahr 1932, aus dem hervorgeht, dass sie gemeinsam planten ein Buch über Fotografie zu schreiben, das aus unterschiedlichen Blickwinkeln, aus einer technischen und einer künstlerischen Perspektive heraus, die Fotografie beleuchten sollte. Es zeigt sich also, dass ihre Ausführungen, dass Technik und Kunst für die Fotografie gleichermaßen wichtig sind, schon früh Anklang fanden, auch bei technikversierten Profis. Da Moholy aber aufgrund des Nationalsozialismus Deutschland verlassen musste und nach London emigrierte, schrieb sie das Buch letzten Endes alleine.

R: Welche Bedeutung nahm denn ihr damaliger Ehemann László Moholy-Nagy für die Entwicklung Moholys als fotografische Künstlerin ein? Immerhin war jener ja an der Bauhaus-Schule als Lehrer angestellt und selbst leidenschaftlicher Fotograf.

S: Die Frage muss man umgekehrt stellen: Welche Rolle spielt Lucia Moholy in der Entwicklung Moholy-Nagys als fotografisch arbeitendem Künstler? Moholy-Nagy leitete am Bauhaus die Metall-Werkstatt und übernahm Johannes Ittens Vorkurse. Sein Interesse an der Fotografie wurde durch und mit Lucia Moholy geweckt, die ihm ans Bauhaus gefolgt war, dafür ihren Job in Berlin hatte aufgeben müssen und die Zeit unter anderem dafür nutzte, sich intensiv mit der Technik des Fotografierens zu beschäftigen. Ein Werk, das in unserer Sammlung bislang nur ihm zugeschrieben worden war, aber tatsächlich von beiden zusammen hergestellt worden war, haben wir nun auf dem Label und in der Datenbank auch erstmals so ausgewiesen. Es ist der auf Fotopapier eingefangenen Schattenriss von László und Lucia. Obwohl es in der bereits erwähnten Monografie von Lucia Moholy schon 1985 aufgenommen wurde, ist die Zuschreibung einzig zu László Moholy-Nagy noch weit verbreitet. Wir erhielten in Reaktion auf diese Zuschreibung sogar einen anonymen Brief, in dem Lucia Moholy jegliches kreatives Schaffen abgesprochen wurde. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass das Thema heute noch auf Widerstand stoßen würde. Umso besser, dass dieses Werk gerade auch in der Berlinischen Galerie zu sehen ist, so wie bei uns: als ein Werk, das dem Schaffen Moholys und Moholy-Nagys gleichermaßen entspringt.

R: Steht diese Emanzipation einzelner Fotografien Moholys nicht gewissermaßen im Widerspruch zu dem Fokus, der nur auf dem Buch liegen soll?

S: Nein, es geht in der Präsentation eben um beides: Fotografien machen und über Fotografien schreiben. Wie sehr beides bei Lucia Moholy zusammenhängt, lässt sich hoffentlich nach dem Rundgang durch die Schau erahnen. Dafür ist es auch wichtig, Moholy etwas kennenzulernen, wo kam sie her, was machte sie bevor sie Moholy-Nagy kennenlernte, was machte sie anschließend. Dass sie in den 1950er Jahren für die UNESCO daran arbeitete, Bibliotheken mit aufzubauen und Mikrofilm-Reproduktionen von Texten herzustellen, sodass sich Wissen verbreite und zum Verständnis der Menschen für einander beitrage, das ist doch interessant zu erfahren. Gerade da sie schon in ihrem Buch zur Fotogeschichte 1939 nicht in die Frage einsteigt, welche Nation am meisten für die Fotografie geleistet habe, sondern mehr darüber spricht, inwiefern die Fotografie unser aller Leben beeinflusst. Nun, Sie merken schon, über Lucia Moholy gibt es sehr viel zu erzählen und unsere Präsentation ist nur ein kleines Fenster auf ihr Leben und Werk. Aber wie freuen uns über positive Resonanz und darüber, dass sie nun hoffentlich wieder mehr ins Licht rückt. Verdient hat sie es.

R: Vielen Dank für das Gespräch.

Zeiten:

Noch bis zum 2. Februar 2020!

Preise:

Eintritt des Museums:
Erwachsene: 
11,00 €
Ermäßigt: 
7,50 €

Kontaktdaten und Anfahrtsbeschreibung:

Museum Ludwig, Köln
Adresse: Heinrich-Böll-Platz, 50667 Köln
Telefon:
0221 – 221 261 65
Webseite: www.museum-ludwig.de/de/ausstellungen/lucia-moholy
KVB:
Linien 5,16, 18: Dom/Hbf
Linie 5: Rathaus

Lucia Moholy

  • Geboren am 18. Januar 1894 in Prag
  • Studium der Kunstgeschichte und Philosophie an der Universität Prag
  • Ab 1915 verschiedene Tätigkeiten als Redakteurin und Lektorin
  • Ab 1918: Tätigkeiten als Redakteurin und Lektorin in Deutschland und erste Anfänge in der Fotografie
  • Veröffentlichung expressionistischer Literatur unter dem Pseudonym Ulrich Steffen
  • 1921: Heirat mit László Moholy-Nagy 
  • 1923: Umzug nach Weimar
  • 1923 – 1925: Freie Mitarbeiterin als Fotografin für das Bauhaus in Weimar
  • 1925 – 1928: Freie Mitarbeiterin als Fotografin für das Bauhaus in Dessau
  • 1925 – 1926: Studium der Foto- und Drucktechnik an der Akademie für grafische Künste und Buchgewerbe in Leipzig
  • 1929: Scheidung von László Moholy-Nagy 
  • 1933: Emigration über Prag, Wien und Paris nach London
  • Ab 1933: Tätigkeit als Porträtfotografin und Autorin
  • Bis 1957: Mitarbeit an wissenschaftlichen Dokumentationen der UNESCO
  • 1939: Veröffentlichung „A Hundred Years of Photography 1839 – 1939“
  • 1959: Umzug in die Schweiz
  • Ab 1959: Tätigkeit als Kunstkritikerin und Teilhabe an zahlreichen Ausstellungen
  • Gestorben am 17. Mai 1989 in Zürich

Foto: Erika Kempe, Hamburg; Reproduktion: Rheinisches Bildarchiv Köln

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