Die einzige Sitzung in dieser Session

Es sind regelrechte Leidensjahre, die den Karneval, nicht nur in Köln, derzeit heimsuchen. Sitzungen und Umzüge werden abgesagt, der Straßenkarneval funktioniert mehr schlecht denn recht, Karnevalsvereine warten sehnsüchtig darauf endlich wieder an den Start gehen zu können. Nur gut, dass es das Hänneschen-Theater gibt, das mit der diesjährigen Ensembleproduktion, der Puppensitzung, die Karnevalsfahne hochhält und dort Freude hinbringt, wo sie allerorts ins Wasser fällt.

Eine Welt im Wandel, gesellschaftliche Erdbeben, Druck, der auf uns allen lastet – und trotz allem bloß nicht das Lachen vergessen! So könnte das Motto der Puppensitzung 2022 lauten, liefe sie nicht unter dem sessionsnahen Titel „Dat wood och Zick!“. Ein Pointenfeuerwerk, in Zeiten verbotenem Feuerwerkserwerb geradezu abstrakt wirkend, das sich ohne Frage ein Ziel gesetzt hat: Ein Lächeln auf die Gesichter der Anwesenden zu zaubern – um jeden Preis.

Der Star des Abends? Ein Unentschieden

Das funktionierte die meiste Zeit der drei Stunden dauernden Inszenierung sehr gut, auch wenn nicht jede Pointe traf und an manchen Stellen vielleicht auf ein bisschen zu viel abzielte. Gerade in den ersten Minuten lag die riesengroße Herausforderung des Ensembles wie ein eiserner Vorhang in der Luft, das Brechen eines Eises, das nun über fast zwei Jahre zugefroren war. Zögerliche Reaktionen des Publikums und stellenweise verhaltenes Lachen waren die Folge, nur langsam schmolz das Eis, nur nach und nach erwachte das Publikum aus seinem Schlaf und ließ sich vom Fluss der Inszenierung mitreißen.

Wie ein Zaubertrank muss das Kölsch in der Pause gewirkt haben, denn plötzlich gab es kein Halten mehr. Die Pointen trafen, der Saal grölte, schunkelte und spendete verdienten Applaus. Auffallend der Auftritt der Stockpuppe von Sitzungspräsident Volker Weininger, der sich in einem Rutsch, stockbesoffen natürlich, über die weltweiten Veränderungen ausließ (Autor und Spieler: Udo Müller). Zweifelsfrei stand dieser Auftritt im Wettstreit um den Titel „Star des Abends“ – in Konkurrenz zum Auftritt des beliebten Skeletts Skully (Autorin und Spielerin: Silke Essert), die wie in den Vorjahren alle Herzen an sich band.

Karl Lauterbach kassiert Buh-Rufe

Positiv anzumerken ist ebenso der Mangel an politischen Witzen, die das Ensemble zwar hier und da einbaute, wie es sich für eine Puppensitzung halt gehört, das allerdings nur in begrenztem Maße. Und wenn wir mal ehrlich sind, wir haben doch alle genug von politischem Driss und eine kurze Unterbrechung kommt ganz gelegen, oder nicht? Hier hat das Ensemble also feines Gespür bewiesen. Um Corona wiederum ließ sich einfach kein Bogen machen, wobei die Umsetzung rundum gelungen war – das clownsartige Fastelovid-11 und auch der Auftritt von Karl Lauterbachs Stockpuppe dürften für sich selber sprechen (auch wenn Lauterbachs Auftritt stellenweise mit Buh-Rufen quittiert wurde).  

Der Rest schreibt sich wie gehabt. Die Kulisse? Einfach toll. Die Kostüme und die ganze Aufmachung? Liebevoll wie eh und je. Und die Musik? Holt ab und nimmt mit. Und so ist die Puppensitzung in diesem Jahr, die einzige stattfindende Sitzung, einfach Pflichtprogramm für alle, die Fastelovend vermissen und sich mal wieder in Schale (Kostüme) schmeißen wollen. Ab dafür, da dürfte es keine zwei Meinungen geben.      

Unser Bärbelchen-Wertungsschema (max. 5 Bärbelchen)

Büttenreden

Bühnenbild

Musik

Herz + Atmosphäre

Gesamt

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Fotos: Hänneschen Theater / Stadt Köln

Zeiten:

12. Januar bis 26. Februar 2022

Preise:

Tickets: 31,00 €*
*Erhältlich an der Theaterkasse

Kontaktdaten und Anfahrtsbeschreibung:

Hänneschen Theater
Adresse: Eisenmarkt 2 – 4, 50667 Köln
Telefon: 0221 – 258 12 01
Webseite: www.haenneschen.de
KVB:
Linien 1, 5, 7, 9: Heumarkt

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