Loading...

Rheinerlei in „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ – Schauspiel Köln

///Rheinerlei in „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ – Schauspiel Köln

Rheinerlei in „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ – Schauspiel Köln

Man mag es sich kaum vorstellen, aber nach meinem Abitur wollte ich zur Bundeswehr. Ernsthaft. Ich wollte Offizier werden, also bewarb ich mich, fuhr nach Köln zur damaligen Offizierbewerberprüfzentrale (…) und legte den Eignungstest ab. Und äh, bestand ihn nicht, bzw. wurde nicht genommen. Schaut man sich nun den aktuellen Zustand der Bundeswehr an, so kann ich darüber nur blumig lächeln. Selbst Schuld. Und mein Glück. Denn mittlerweile, da bin ich mir ziemlich sicher, wäre ich wahrscheinlich unehrenhaft entlassen worden. Und genauso wahrscheinlich wäre ich stolz darauf. Vielleicht wäre ich gar ein Deserteur geworden, so wie Johann Fatzer und seine sechs Kumpanen, die in Berthold Brechts „Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ vor den Schrecken des ersten Weltkrieges in einen Keller flüchten und auf das Ende des Krieges, oder auf den Ausbruch einer Revolution, warten. Und was sich dort ergibt, in diesen Tiefen kriegerischen Elends, das ist weiß Gott nichts für schwache Nerven…

Sag mir wo die Blumen sind,
wo sind sie geblieben
Sag mir wo die Blumen sind,
was ist geschehen?
Sag mir wo die Blumen sind,
Mädchen pflückten sie geschwind
Wann wird man je verstehen,
wann wird man je verstehen?*

Bedrückend, beschämend, bildgewaltig. Die Theaterproduktion zu Brechts Werk, die derzeit am Schauspiel Köln gespielt wird, gleicht gewissermaßen einem Krieg selbst. Dunkle Töne, Marschmusik und Tarnkleidung, ohrenbetäubender Lärm, Dreck und Schmutz. Und über alledem der Mensch, der sich in den Wirrungen des Krieges verliert, der alles verliert, was an ihm (oder ihr) kostbar ist. Der Bühnenraum des Depot 2, er ist fast vollständig mit der Kulisse ausgefüllt, und doch ist er in sich begrenzt, wie ein Kellerraum, der keinen Ausweg lässt, der Fallen birgt und die Freiheiten der Protagonisten einschränkt. Der Raum, auf dem die Schauspielerinnen und Schauspieler ihr Werk vollbringen, er hingegen ist das Leben selbst. Und gleichzeitig dessen allumfassendes Ende. Er unterscheidet weder zwischen Jungen und Mädchen, er ist unaufhaltsam und unauslöschlich, er spendet Leben und verzehrt es gleichwohl im nächsten Moment.

Sag mir wo die Mädchen sind,
wo sind sie geblieben?
Sag mir wo die Mädchen sind,
was ist geschehen?
Sag mir wo die Mädchen sind,
Männer nahmen sie geschwind
Wann wird man je verstehen?
Wann wird man je verstehen?*

Während das Ensemble also über einen Morast aus Leben und Tod wandelt, ringt es fortwährend mit den Unsäglichkeiten des Krieges und ich als Zuschauer bin erschüttert ob der unerbittlichen Gnadenlosigkeit, mit der die Inszenierung da vor meinen Augen spielt. Die Suche nach Nahrung und nach allem, was einen über die Runden bringt, auseinander gerissene Familien, Mord, Raub und Verrat, die Produktion nimmt kein Blatt vor den Mund und konfrontiert mich mit Kriegserfahrungen, die ich selbst nie gemacht habe, die sich aber so anfühlen, als kenne ich sie. Ich war noch nie in einem Krieg, und ich hoffe das bleibt auch so, aber dennoch kommt es mir so vor, als habe das, was sich da vor meinen Augen abspielt, eine repräsentative Funktion. Gleich einem Voyeur empfinde ich Faszination für die Schrecken des Krieges, die mir auf der Bühne präsentiert werden. Das fühlt sich komisch an, geradezu erschreckend, und als wären all die Grauen eines jeden Krieges in dem recht überschaubaren Raum zusammengekommen und schwarz-rot-gold-glänzend in Szene gesetzt. Ich frage mich: Männer, ist das so gewollt?

Sag mir wo die Männer sind
wo sind sie geblieben?
Sag mir wo die Männer sind,
was ist geschehen?
Sag mir wo die Männer sind,
zogen fort, der Krieg beginnt,
Wann wird man je verstehen?
Wann wird man je verstehen?*

Kaum eine Szene geht bedeutungsverloren an mir vorüber. Ich muss mich konzentrieren, sonst verliere ich den Anschluss an die Erzählung, denn ein jeder Soldat ist ebenso Soldatin, und eine jede Soldatin ist ebenso Soldat. Das Bedeutungskonstrukt der Charaktere verändert sich fortwährend, sie springt von einer Rolle zur nächsten, ohne Rücksichtnahme auf etwaig langsam denkende Zuschauer. Die Figur des Johann Fatzer, mal ist sie männlich, mal weiblich, mal ist sie Soldat, ein anderes Mal Soldatin. Das hält mich wach und die Aufführung spannend, es ist beinahe elektrisierend, wie sich die Konstrukte immerzu verändern. Es ist ein Faktor, der die Inszenierung fortwährend auf Trab hält und der sich wie ein Kreislauf über die Bühne windet.

Sag wo die Soldaten sind,
wo sind sie geblieben?
Sag wo die Soldaten sind,
was ist geschehen?
Sag wo die Soldaten sind,
über Gräber weht der Wind
Wann wird man je verstehen?
Wann wird man je verstehen?*

Der animalische Trieb des Menschen, wie er im Krieg an jeder Ecke lauert, ist auch auf der Bühne allgegenwärtig und er vertreibt Vernunft und Verstand, es geht nur darum, zu überleben – und so stelle ich mir Krieg zu weiten Teilen vor. Freundschaften geraten unter die Räder und das Selbst regiert über die Ratio, es übermannt kontrollierte und sorgsam abgewogene Planungen und trägt die Mitmenschlichkeit zu Grabe. Ist Johann Fatzer, der Rädelsführer der Deserteure, egoistisch, nur weil er seinem Überlebenswillen nachgibt, der ihn in die Arme eines Kellers treibt, der vor dem Krieg schützen soll, der letzten Endes aber nur eine komprimierte Form des Krieges aus der Erde sprießen lässt? Welche Bedeutung hat Egoismus im Krieg und wann tritt er zutage? Und wann tritt er hinter das Gefühl von Gemeinschaft, Solidarität und dem Ehrgeiz, gemeinsam etwas überwinden zu wollen, zurück? Gar nicht etwa?

Sag mir wo die Gräber sind,
wo sind sie geblieben?
Sag mir wo die Gräber sind,
was ist geschehen?
Sag mir wo die Gräber sind,
Blumen wehen im Sommerwind
Wann wird man je verstehen?
Wann wird man je verstehen?*

Wie formulierte es Brecht in seiner Dreigroschenoper? „Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral“. Als Kritiker, der mit den Wirrungen des Krieges vertraut war, schätze ich Brechts Ausführungen bezüglich des Kriegsalltags als relativ glaubwürdig ein, und immer, wenn ich mir diesen Fakt vor Augen führe, überschreitet die Inszenierung für mich eine weitere Grenze, von der ich nicht gedacht hätte, dass man sie hätte überschreiten können. Es erschreckt mich, es lässt mich frösteln, es lässt mich nachdenken. Will ich heute noch zur Bundeswehr? Nein. Damit will ich die Aktivitäten der Bundeswehr aber keineswegs schmälern, denn ohne sie geht es in dieser Welt einfach nicht, dafür sind die weltlichen Zusammenhänge viel zu komplex und unvorhersehbar (…). Aber mich selbst dafür einsetzen, egal wie, dass sich keine Kriege mehr ergeben, einen kleinen Beitrag zur Völkerverständigung beitragen, das kann auch ich. Ist das naiv? Ohne Frage. Sollte das jemanden abhalten? Nein. Also, warum nicht?

Sag mir wo die Blumen sind,
wo sind sie geblieben.
Sag mir wo die Blumen sind,
Was ist geschehen?
Sag mir wo die Blumen sind,
Mädchen pflückten sie geschwind
Wann wird man je verstehen?
Wann wird man je verstehen?*

„Der Untergang des Egoisten Johann Fatzer“ ist durch und durch episches Theater. Das ist mit Sicherheit keine Überraschung, prägte Brecht diesen Begriff doch selbst. Und doch ist es hier aus mehreren Gründen erwähnenswert: Die sozialen Konstrukte, die die Aufführung tragen, sie tragen sie leibhaftig, die einzelnen Charaktere und Figuren, sogar Johann Fatzer selbst, geraten in den Hintergrund. Die Aufführung vollbringt es auf spektakuläre und bedrückende Weise, die Schrecken des Krieges in die deutsche Gegenwart zu transportieren, ohne dabei moralische Ansprüche zu stellen; mehr noch – sie ruft aktuelle politische Begebenheiten ohne Unterlass ins kollektive Gedächtnis, ohne dass das dargebotene Schauspiel einer tieferen Analyse bedarf. Das Ensemble schafft den heiklen Spagat zwischen Individualisierung und Kollektivierung problemlos, die andauernden Rollenwechsel führen zu einem Durchbruch festgefahrener Verhältnisse und weiten die Sicht auf das Unmittelbare, welches von Kollektiv zu Kollektiv übertragen werden soll. Kurz gesagt: Diese Produktion ist ein Must-See! Wer keine Angst hat, sich mit den Schrecken des Krieges, mit den abartigen Seiten des Menschseins, konfrontiert zu sehen, dürfte an dieser Inszenierung erheblichen Gefallen finden. Klingt das jetzt etwas zu makaber? Egal. Eines sei euch allerdings gewiss: Durch Blumen geflüsterte Worte werdet ihr hier keine finden, nur dem Wahnsinn zum Opfer fallende Mädchen und Männer, aufgeschüttete Gräber und Soldaten, die keinen Krieg wollen, die ihn aber, unwissentlich und mit provozierender Leichtigkeit, eigenständig am Leben halten.
Wir wünschen euch viel Spaß. Sofern man das so ausdrücken kann…

*Original: Where Have All The Flowers Gone – Pete Seeger, 1955

Fotos: JU

Zeiten:

19. Oktober 2019:
20:00 – 21:30 Uhr

20. Oktober 2019:
20:00 – 21:30 Uhr

23. November 2019:
20:00 – 21:30 Uhr

24. November 2019:
20:00 – 21:30 Uhr

Preise:

Eintritt: 18,70 €
Abendkasse ermäßigt: 7,00 €
VVK ermäßigt:
50%-Ermäßigung

Kontaktdaten und Anfahrtsbeschreibung:

Schauspiel Köln
Adresse:
Depot 2; Schanzenstraße 6 – 20, 51063 Köln
Telefon: 0221 – 221 284 00
Webseite: www.schauspiel.koeln/spielplan/monatsuebersicht/der-untergang-des-egoisten-johann-fatzer/3514/
KVB: Linie 4: Keupstraße

Diesen Artikel weiterempfehlen:
2019-10-15T10:10:06+02:00

Was sind eure Eindrücke?

avatar
  Abonnieren  
Benachrichtige mich bei