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Rheinerlei in ‚Frankenstein in St. Joseph‘ – COMEDIA Theater

///Rheinerlei in ‚Frankenstein in St. Joseph‘ – COMEDIA Theater

Rheinerlei in ‚Frankenstein in St. Joseph‘ – COMEDIA Theater

Schon als ich die Treppe zum Grünen Saal im COMEDIA Theater hinaufsteige, werde ich mit zweierlei Welten konfrontiert. Der Treppenaufgang ist geschmückt mit Bildern und Geschichten, die einerseits die Herzlichkeit behinderter Menschen behandeln, Geschichten aus dem Leben von Mitgliedern des Theaterkönig-Ensembles darstellen. Andererseits zeigen sie aber auch Probleme eben jener auf. Besonders ein Satz bleibt mir im Gedächtnis: „Freiheit ist für mich, wenn kein Mensch mich angreift.“ Denn er steht für genau das, was in vielen Teilen der Gesellschaft noch verbesserungswürdig ist. Eine vollumfängliche Toleranz gegenüber Menschen mit besonderen Bedürfnissen und deren angemessene Inklusion in gesellschaftliche Prozesse. Solche Aussagen, die kann man hoffentlich irgendwann ad acta legen…

Im Jahr 2018 trat das Theaterkönig-Ensemble bereits zum elften Male im COMEDIA auf. Bestehend aus ebenso körperlich und mental beeinträchtigten Schauspielern als auch aus Schauspielern, die dem Theater der Keller angehören, bringt die Theatertruppe gemeinsam ihre Leidenschaft für das Schauspiel auf die Bühne und vollführt alljährlich ein Paradebeispiel an Inklusion, wie es schöner kaum sein könnte. Denn das Zusammenspiel aller Beteiligten ist, zumindest soweit mir zu Ohren gekommen ist, Jahr für Jahr eine wunderschöne Performance.

Dieses Mal durfte ich also auch zugegen sein und mir die Premiere dieser außergewöhnlichen Inszenierung anschauen. Dass ich hier den Begriff des Außergewöhnlichen nutze, eigentlich bedeutet dies nur, dass ich selbst noch nicht dazu bereit bin, dieses Zusammenspiel als etwas Alltägliches zu begreifen. Aber ihr versteht, was ich meine und ich möchte damit etwas Explizites ausdrücken: nämlich, dass diese Aufführung etwas ganz Anderes, etwas ganz Besonderes ist. Und dass ich selbst dabei sein durfte, das hat mein Herz wahrlich berührt.

In diesem Jahr dreht sich die Geschichte um die von Mary Shelley im Jahre 1818 veröffentlichte Novelle Frankenstein. In einer neuen Lesart erweckt Viktor Frankenstein sein Monster vor den Augen eines gesamten Krankenhauspersonals zum Leben. Am Leben gehalten durch elektronische Impulse und den Drang, sich von dieser Abhängigkeit zu entsagen, macht sich das Monster fortan auf die Suche nach seiner Identität. Ist es ein Mensch? Oder doch eine Maschine? Oder gar ein Niemand, der nur den Befehlen anderer gehorcht?

Das Ensemble agierte dabei hoch professionell, was man von den Akteuren des Theaters der Keller eigentlich auch erwarten darf. Die behinderten Schauspieler jedoch, sie begeisterten gleichwohl das Publikum und ließen die Beeinträchtigungen beinahe vergessen. Zwar sprang hier und da die Souffleuse ein und überbrückte Texthänger, doch dies störte zu keinem Zeitpunkt. Im Gegenteil, es machte das Spiel nur noch umso sympathischer.

Während das Schauspiel also wirklich Spaß und Lust auf mehr machte, so ließ die Geschichte der Aufführung jedoch den ein oder anderen Wunsch offen. Obwohl sich Frankenstein durch eine gewisse Art des Horrors, des Grusels auszeichnet, kam jener dramaturgische Effekt kaum rüber. Eine farbenfrohe Lichtnutzung, wenige Gruselmomente und eine mit Witz aufgezogene Inszenierung resultierten nicht gerade darin, dass ich das Gesehene hundertprozentig mit der ursprünglichen Geschichte in Zusammenhang brachte. Zwar führte insbesondere der letzte Faktor, der Witz der Aufführung, dazu, dass der Aufenthalt wirklich Spaß machte, doch hatte ich mit dem originalen Textstück im Hinterkopf einfach eine etwas andere Erwartung.

Dieser Aspekt schränkte das Erlebnis des Abends aber nur bedingt ein. War es doch die Intention, die Zuschauer zu unterhalten und aufzuzeigen, dass Inklusion perfekt funktionieren kann. Und das hat wunderbar funktioniert. Punkt. Ein Theaterstück, bei dem die Schauspieler mit den unterschiedlichsten Grundvoraussetzungen gemeinsam die Leute zum Lachen bringen, die so herzlich spielen und die Unterschiede im körperlichen Befinden beinahe vergessen lassen, welches sich durch sich ergänzende Merkmale auszeichnet, in dem niemand unberechtigter Weise angegriffen wird und das ohne selten dämliche Stigmatisierungen auskommt, besser kann man Inklusion kaum darbieten. Davon kann sich die ein oder andere Institution noch eine Scheibe abschneiden…

Es war ein wahrhaft schöner Abend. Absolut empfehlenswert.

Fotos: MEYER ORIGINALS

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2018-09-19T01:23:34+02:00

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