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Rheinerlei in „Frankenstein – von Mary Shelley“ – Theater im Bauturm

///Rheinerlei in „Frankenstein – von Mary Shelley“ – Theater im Bauturm

Rheinerlei in „Frankenstein – von Mary Shelley“ – Theater im Bauturm

Wer, außer mir, dachte lange Zeit, dass Frankenstein in Wirklichkeit das Monster ist und nicht der Professor, der das Monster erschaffen hat? Irgendjemand? Nein? Nun, whatever. Großen Gefallen hatte ich an der Geschichte nie, ich habe weder einen der klassischen Frankenstein-Filme gesehen, noch habe ich mich jemals tiefergehend mit der Geschichte auseinandergesetzt. Sie ist einfach komplett an mir vorüber gegangen. Meine Freude, als mich eine Einladung zur Premiere der Neuinterpretation von Frankenstein im Theater im Bauturm erreichte, hielt sich dementsprechend in Grenzen. Kann ich mir geben, muss ich aber nicht. Ich sagte dennoch zu und so kam es wie es kommen musste: Hätte ich vorher mal ein bisschen recherchiert…

Wie kann man nur so dämlich sein? Da schreibste großspurig über Theaterproduktionen, gehst in eine Inszenierung über eine der berühmtesten Gruselgeschichten der Welt und was macht der gute Herr? Hat keinerlei Ahnung, was da überhaupt vor sich geht. Super. Getragen von zwei Schauspielerinnen erreichte die Inszenierung nämlich eine Komplexität, die mit meinem Rollenverständnis im Theater spielte und die sich vor allen Dingen auf die aufgeführten Charakterdarstellungen bezog. Und welche mich öfters mal den Faden verlieren ließ. Zwar teilten sich die Schauspielerinnen die Rollen zumeist auf und folgten damit traditionellem Schauspiel, oftmals jedoch schlüpften sie in genau die gleiche Rolle, zur selben Zeit und ohne jegliche Vorankündigung. Das könnt ihr euch jetzt so vorstellen, dass die beiden immer mal wieder spezifische Rollen zeitgleich gemeinsam einnahmen und dabei im Stil eines Chores die jeweiligen Texte gleichzeitig aufsagten – nur um in meinem Kopf für maximale Verwirrung zu sorgen…

War das alles nah an der Textvorlage und machte das alles Sinn? Oder war das der besonderen Art der Inszenierung geschuldet, die keine klar erkennbare Trennung zwischen Individuum und Kollektiv vornehmen und die so vor allem das Thema Einsamkeit in den Vordergrund rücken wollte? Gab es in der Geschichte wirklich irgendwelche Zwillinge, die irgendwelche Liebenden beobachteten oder war das einmalig im Rahmen dieser komplex erzählten Aufführung? Als ich dort im Publikum saß, ich wusste es auf jeden Fall nicht besser, aber dennoch fand ich die Erzählung interessant, da sie mir einen neuen Blick auf die Geschichte gab, den ich vorher so nicht hatte und der alle handelnden Personen in der Geschichte in sich einschloss. Denn eigentlich dachte ich immerzu, es ginge in der von Mary Shelley geschriebenen Geschichte nur um das Monster, das irgendwann von einem Mob gelyncht wird, weil es anders war, weil es nicht in die engstirnige Weltsicht des mobbenden Proletariats passte und trotz aller Bemühungen nie die Akzeptanz fand, nie die Geliebte fand, nach der er verzweifelt suchte. Welch eine Schmach! Shame on you, Frankensteins Monster! Shame him!

Überdies gelten wohl gerade die Auszüge aus meinem Notizbuch als Ausdruck meiner zaghaften Ahnungslosigkeit, die sich bis zum Ende auch nie recht auflöste: „Ein wenig verwirrend – Ist das der Originaltext? – Hat Monster eine Geschichte?“ Ja, auf Artikel verzichte ich gerne mal, wenn ich schnell etwas runterschreibe, aber ich musste mich mit dem Notieren halt beeilen. Aber was macht man, wenn man der Geschichte nicht wirklich folgen kann? Richtig, man lenkt seine Konzentration einfach auf andere Dinge, wie beispielsweise auf die Aufmachung der Inszenierung an sich, auf die Musik oder generell auf die Atmosphäre des dargestellten Gruselmärchens. Und all das, ja, es fesselte mich und es holte mich immer wieder in die Inszenierung zurück. Das Kunstblut spritzte nur so zu allen Seiten und die Musik war überaus schaurig und gruselig. Das Gesamtbild passte einfach, die Atmosphäre der Inszenierung erzeugte Spannung und gab ihr das gewisse Etwas. So gruselig und angsteinflößend hatte ich mir die Frankenstein-Erzählung immer vorgestellt, ich hatte im Vorfeld sogar darauf gehofft. Ziemlich makaber? Möglich. Die Bühne wandelte sich, als wäre sie auf Vervollständigung des atmosphärischen Bildes ausgelegt, im Laufe der Inszenierung zu gleich mehreren Schauplätzen und die Vielfältigkeit und Schnelllebigkeit, die dadurch entstand, hauchten der Inszenierung unbändiges Leben ein. Witzig, wenn man dies vor dem Hintergrund der vermeintlichen Leblosigkeit von Frankensteins Monster, vor dessen Einsamkeit und Verzweiflung wahrnahm. Und ziemlich paradox dazu.

Die stetige Abfolge aktueller gesellschaftlicher Themen, wie beispielsweise der Konflikt, den das Monster mit sich selbst und seinen eigenen Wünschen und Träumen ausfechtet, die Streitfrage zwischen Schuld und Unschuld oder die Frage, ob ein jeder das Recht auf individuelle Freiheit besitzt oder nur eine engstirnige intolerante Masse, sie hielten das Spiel auf Trab und ich fand mich mit vielen Themen konfrontiert, die heutzutage an fast jeder Ecke lauern. Hier und da hatte ich zwar den Eindruck, dass es zu viele Themen seien (Notizbuch: „zu viele Themen?“), aber dieser Umstand steigerte meine partielle Verwirrung keineswegs, ich erfreute mich vielmehr an der knackigen Aufführung, die mal bissig, mal erheiternd war und dabei nie langweilig wurde. Dass ich der Geschichte nicht hundertprozentig folgen konnte, das störte mich letzten Endes nur bedingt, und den Gesprächen nach der Aufführung zu urteilen, war ich mit dieser Sicht wohl auch alleine…

Was also blieb hängen? Nächstes Mal besser vorbereiten. Ich habe verstanden. Mittlerweile habe ich mich auch näher mit der Geschichte auseinandergesetzt, dieses Interesse hat die Inszenierung bei mir also definitiv geschürt. Die Inszenierung selbst, sie kann ich besten Gewissens weiterempfehlen, wobei ich dennoch den Eindruck hatte, dass wahrscheinlich nicht jeder an dieser Inszenierung Gefallen finden wird. Aber ich gehe davon aus, dass sie noch besser ist, wenn man die Geschichte von Vornherein kennt. Wer also einen Ausflug in eine der berühmtesten Gruselgeschichten der Welt machen will, wer keine Scheu vor aktuellen Thematiken hat, die in einem blutroten Kleid daherkommen, der macht mit dieser Inszenierung sicherlich nicht viel falsch.
Wir wünschen euch viel Spaß.

Fotos: TiB/Alex Katona

 

Termine:

17. Dezember 2019:
20:00 Uhr

18. Dezember 2019:
20:00 Uhr

19. Dezember 2019:
20:00 Uhr

4. Januar 2020:
20:00 Uhr

5. Januar 2020:
18:00 Uhr

Preise:

Eintritt: 23,10 €*
*inkl. VVK-Gebühren

Kontaktdaten und Anfahrtsbeschreibung:

Theater im Bauturm
Adresse: Aachener Straße 24-26, 50667 Köln
Telefon: 0221 – 52 42 42
Webseite: www.theater-im-bauturm.de/programm/frankenstein
KVB: Linien 1, 7, 12, 15: Rudolfplatz

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2019-11-23T11:14:58+02:00