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Rheinerlei liest „In der Eifel“

//Rheinerlei liest „In der Eifel“

Rheinerlei liest „In der Eifel“

2020-05-22T10:30:59+02:00By |

Die Eifel und ihre vielfältigen Facetten

Mit dem opulenten Buch „In der Eifel“ macht der emons Verlag der breiten Öffentlichkeit einen wahren Schatz zugänglich: Mit rund 300 Abbildungen dokumentiert er das Werk des Eifelfotografen Heinrich Pieroth – ein faszinierender Streifzug durch die Geschichte eines deutschen Mittelgebirges und den Wandel der Fotografie von den 1920er bis 1950er Jahren.

Unbekannt ist dieser Schatz nicht: Schon 1996 hatte das Rheinischen Bildarchiv in Köln den Nachlass von Heinrich Pieroth (1893-1964) übernommen, wenige Jahre später eine Auswahl der Fotos in einer Ausstellung präsentiert. 2011 schließlich schenkten die Söhne Karlheinz und Ulrich die Arbeiten dem Archiv: Immerhin gut 5.000 Glasnegative, 400 Negativfilme und zahlreiche Diakästen. Seitdem wurde das Werk wissenschaftlich und konservatorisch aufgearbeitet. Das jetzt erschienene Buch lässt sich so als Bilanz dieser Arbeit verstehen.

Die ersten Porträts entstanden noch im Atelier

Pieroth begann seine Lehre als Fotograf schon mit 14 Jahren in seiner Geburtsstadt Mayen. Sie und die weitere Umgebung waren auch sein Haupt-„Einsatzgebiet“. In Mayen hatte er nach einer kurzen Wanderschaft, die ihn zu Beginn der 1920er Jahre nach Herne und Saarbrücken führte, bis zum Schluss auch sein Atelier. Hier schuf er Porträts zunächst im steifen Stil der „Cabinet-Bildern“ für die Anrichte im Familienwohnzimmer, wie sie zu Beginn des 20. Jahrhunderts üblich waren.

Später ging er auf die Individualität der Porträtierten ein, zeigte sie dabei in ruhiger und gelassener Würde. Was man heute auch weiß: Er retuschierte die Fotos, betonte zum Beispiel die Gesichtsfalten und verstärkte so die Persönlichkeit der Abgebildeten. Ab und zu griff er sogar zur Collage. Er besuchte die Menschen aber auch in ihrer Arbeitswelt und ihrem privaten Umwelt. Dabei „entdeckte“ er das neue Stilmittel der Fotoreportage, etwa über eine Glockengießerei oder die Rheinische Imkerschule. Nicht nur hier lernt man die Schwarz-Weiß-Ästhetik wieder zu schätzen.

Nur im Rückblick nostalgische Dorfidyllen

Die Eifel war vor 100 Jahren eine arme Region. Wie heute für die Armen Afrikas gesammelt wird, geschah dies gegen Ende des 19. Jahrhunderts für die Eifel. Dies ist – bei aller Idylle aus heutiger Sicht – noch den frühen Dorffotos zu entnehmen: Frauen beim Wasserholen am Dorfbrunnen, der zugleich als Tränke für die Kühe dient. Doch Sozialkitsch ist Pieroths Sache nicht. Seine Menschen sind selbstbewusst – und verstehen auch zu feiern

Selbst die von kleinbäuerlichen Feldern geprägte Landschaft ist karg, manchmal auch wild. Pieroth hält sie im modernen sachlichen Stil fest, hat den Blick für malerische Momente, verzichtet dabei allerdings auf gewagte Perspektiven oder effekthascherisches Licht-Schatten-Spiel. Nicht nur hier zeigt er sich als zurückhaltender Beobachter, frei von Eitelkeiten.

Ein Chronist des Wirtschaftlichen und politischen Wandels

Spät erst hielt die Moderne Einzug in der Eifel. Und während mit dem Nürburgring 1927 eine moderne Autorennstrecke eröffnet wurde, blieben viele wichtige Straßen noch lange ungeteert. Auch hier ist Pieroth Chronist, ebenso wie bei den politischen und gesellschaftlichen Entwicklungen: Barackenlager nach dem Ersten Weltkrieg, die Besserungsanstalt Bernhardshof, in der auch der Boxer Peter Müller einen Teil seiner Jugend verbrachte, Aufmärsche der Nazis, Bomben im Zweiten Weltkrieg, der Wiederaufbau.

Kurze Textbeiträge in dem thematisch geordneten Buch erläutern Hintergründe zu Bildern und Pieroths Arbeitsweise und machen es zu einer rundum gelungenen Werkschau. Einen kleinen „Makel“ hat Pieroths Œuvre allerdings: Der Fotograf hat seine Bilder nicht datiert. So erhofft das Bildarchiv, dass unter den Lesern – genauer Betrachtern – dieses Buches auch Zeitzeugen sind, die mit Hinweisen helfen können.

Foto2: Heinrich Pieroth – Burgruine Pyrmont, Pyrmonter Mühle und Elzbach-Wasserfall, Rheinisches Bildarchiv Köln
Foto3: Heinrich Pieroth – Seifenkistenrennen in Mayen, 1950. Rheinisches Bildarchiv Köln
Foto4: Heinrich Pieroth – Kinder und Frau mit Ziegen auf der Kirchescher Höhe, um 1930. Rheinisches Bildarchiv Köln

Informationen

„In der Eifel – Fotografien von Hans Pieroth aus den 1920er bis 1950er Jahren“
Herausgegeben von: Rheinisches Bildarchiv Köln, emons Verlag
320 Seiten
Köln, 2020

Preis:

39,95 €

Verlag:

emons Verlag GmbH
Adresse: Cäcilienstraße 48, 50667 Köln
Webseite: www.emons-verlag.com/programm/in-der-eifel

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