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„Wieso hört niemand auf die Kinder?“ – Ein Interview mit der COMEDIA

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„Wieso hört niemand auf die Kinder?“ – Ein Interview mit der COMEDIA

2020-05-06T13:59:13+02:00By |

Das COMEDIA Theater und die Corona-Krise

In vielen Teilen Deutschlands läuft der Schulbetrieb wieder, Theaterbesuche jedoch werden für Schülerinnen und Schüler auf längere Sicht hin weiterhin kein Thema sein. Als eines der größten Kinder- und Jugendtheater Deutschlands ist die COMEDIA direkt davon betroffen. Mit weit über dreihundert Aufführungen im Jahr schafft es das COMEDIA Theater, Groß und Klein stetig zu begeistern und ein Garant für nachdenkliche, aber auch unterhaltsame Theater- und Kabarettaufführungen zu sein. Man dürfte meinen, das Haus hat in Zeiten von Corona keinerlei Probleme – gerade als subventionierte Einrichtung dürfte es doch gut über die Runden kommen. Wir haben mit Klaus Schweizer gesprochen, dem Geschäftsführer der gemeinnützigen GmbH, und nachgehakt, ob das denn wirklich so ist.

Rheinerlei: Hallo Herr Schweizer, wie geht es Ihnen? Und wie geht es der COMEDIA?

Klaus Schweizer: Mir geht es gut, Danke. Der COMEDIA geht es auch gut, aber wie lange das noch so bleibt, das bleibt abzuwarten. Immerhin haben wir keine Krankheitsfälle, wir sind gesundheitlich gut aufgestellt. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befinden sich in 50%-iger Kurzarbeit und arbeiten im Home-Office – und jeder passt auf sich auf. Das ist die positive Nachricht. Viele unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind jedoch in Teilzeit-Stellen beschäftigt und da hat man an der Kurzarbeiterregelung schon zu knabbern. Deswegen ist der bisherige Plan, die Kurzarbeit auf drei Monate zu begrenzen. Wir hoffen, dass sich dieser Plan realisieren lässt.

Privater Spendenfonds für freie Künstlerinnen und Künstler

Fangen Sie die Gehaltsdifferenz auf?

Nein, das schaffen wir nicht. Wir sind zwar ein gefördertes Haus, aber dafür fehlen uns die Reserven. Deswegen haben wir uns auf die 50%-ige Regelung geeinigt. Am härtesten trifft es aber die freischaffenden Künstlerinnen und Künstler, die unentwegt bei uns beschäftigt sind. Deren Einnahmen sind komplett weggebrochen. Um da unterstützend tätig zu sein, haben wir einen privaten Spendenfonds ins Leben gerufen, der bisher auch ganz gut angekommen ist.

Wie viel ist denn bislang zusammengekommen?

Rund 2.500 Euro. Das hilft, aber ist natürlich nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Sollte die Situation über mehrere Monate hinausgehen, wird das Geld allerdings nicht reichen.

Wer bekommt denn das Geld aus dem Topf? Haben Sie schon einen Verteilungsschlüssel festgelegt?

Die Verteilung wird sich nach der Bedürftigkeit richten. Wer alleine wohnt oder gar alleinerziehend ist, der ist schlechter dran als Personen, die in einer Familie leben bzw. bei dem der Lebenspartner noch dazu verdient. Das haben wir im Blick, wir sind gerade noch dabei, das alles zusammenzubasteln.

Das Theater verzichtet trotz Anspruch auf den städtischen Nothilfefonds

Jetzt hat die COMEDIA mit der Wagenhalle einen angeschlossenen und dennoch eigenständigen Gastronomiebetrieb. Wie sieht es da aus?

Der Wagenhalle geht es ganz schlecht, sie ist sehr stark angeschlagen. Das gilt aber für alle Gastrobetriebe, die sich bei uns in unmittelbarer Umgebung befinden. Die Krise lässt jeden auf dem Zahnfleisch gehen. Lange halten das viele nicht mehr aus.

Als gefördertes Haus erhalten Sie ja auch Zugriff auf den Nothilfefonds der Stadt Köln. Hilft dieser Notgroschen nicht?

Nein, das wollen wir nicht. Wir haben vom Land Nothilfe bekommen und das Gute ist, dass wir bereits erhaltene Zuschüsse nicht zurückzahlen müssen. Da geht es anderen Häusern schlechter, die haben Vorrang und das wäre unverantwortlich von uns. Wir wissen, dass wir es schaffen werden – es gibt andere, die brauchen es dringender. Es ist erstaunlich, wie sehr sich die Kommunen, die Länder und der Bund für die Kultur stark machen. Natürlich gibt es noch einiges, was verbessert werden muss, aber in diesem Ausmaß, das gab es in der Vergangenheit nur selten. Kultur ist systemrelevant, das muss auch weiterhin transportiert werden.

Können Sie denn einschätzen, wie lange die COMEDIA den Widrigkeiten ohne größere Probleme standhalten kann?

Die große Frage ist doch: Wie lange wird dieser Zustand noch dauern? Den Sommer und auch den Herbst werden wir überleben, aber zieht sich das bis ins Jahr 2021 hinein, dann wird es auch für uns knapp. Jetzt heißt es, von Monat zu Monat zu denken und alle Möglichkeiten in Betracht zu ziehen. Mehr bleibt uns nicht übrig, alles andere wäre Kaffeesatzleserei.

Um Hygiene- und Abstandsregelungen gerecht zu werden, müssten Saalkapazitäten drastisch gekürzt werden

Diesen Satz hört man in letzter Zeit öfters. Mal zum Konkreten: Welche Änderungen stehen für den Spielplan an?

Wir mussten bisher um die 60 Veranstaltungen absagen. Viele davon sind unwiderruflich entfallen, einige versuchen wir im Herbst nachzuholen. Da unser Spielplan jedoch ziemlich eng getaktet ist, erweist sich dies als ein schwieriges Unterfangen.

Eine andere Spielstätte zu bespielen ist keine Möglichkeit?

Auch das ist schwierig. Dafür braucht man vor allem zusätzliches Personal, das wäre für uns fast unmöglich. Vereinzelt vielleicht, aber eine ganze Aufführungsreihe? Ausgeschlossen. Dazu kommt, dass wir noch nicht wissen, wie die Umstände sind, wenn wir endlich wieder spielen können. Die Bestuhlung und die Einhaltung der Hygienestandards, Einlass- und Auslasskontrollen, das zieht einen riesigen Rattenschwanz hinter sich her.

Wie könnten diese Maßnahmen denn in der COMEDIA mit ihren zwei Sälen umgesetzt werden?

Wir haben das vor ein paar Tagen im Roten Saal ausprobiert, in den über 390 Leute reinpassen. Der müsste dann auf etwa 80 Personen reduziert werden. Um den Sicherheitsabstand einzuhalten, müssten wir ganze Stuhlreihen freilassen, die ganze Sitzordnung abändern. Das ist ein großer Aufwand. Ob das wirklich der Sache hilfreich ist, da bin ich sehr skeptisch. Die Kosten bleiben ja zum Großteil bestehen, nur fallen 2/3 der Einnahmen weg. Wir planen hier derzeit Sachen, von denen wir nicht wissen, ob wir sie jemals durchführen können. Aber nichts zu machen ist ja auch keine Option.

Wollen Sie die aktuelle Situation denn zukünftig in Produktionen verarbeiten?

Wir proben schon seit Längerem am Stück „Satelliten“, welches sich ironischerweise mit dem Thema Isolation beschäftigt. Das passt also perfekt in die Zeit. Aber die Probe macht – soweit ich das als Risikoperson, die selbst nicht auf die Probebühne darf, mitbekomme – wenig Spaß, da sich alle Schauspieler an die Abstände halten müssen. Darüber hinaus testen wir mit einer Art Mikrofonierung, um gegebenenfalls auch im Freien spielen zu können.

Für das Theater sind Kinder am wichtigsten – für die Politik aber nicht?

Die Schulen sind wieder geöffnet, die COMEDIA ist, abgesehen vom Abendprogramm, auf Kinder- und Jugendtheater spezialisiert. Wie gehen Sie damit um, dass gerade dieser wichtige Publikumsverkehr für einen längeren Zeitraum wegbrechen wird?

Das Kinder- und Jugendtheater wird ohne Frage bis nach der Sommerpause ruhen, wie das mit den Erwachsenenveranstaltungen aussehen wird, das können wir natürlich noch nicht sagen. Für die Kinder ist das aber am schlimmsten! Das Theater ist für Schulen und für Kinder und Jugendliche eine stete Anlaufstelle – das gilt für das Private ebenso wie für den Schulbetrieb. Die Kinder können bei uns immer eine Ausflucht vom Alltag nehmen, sich gegenseitig befruchten und ihrer Fantasie frönen. Gerade der Live-Charakter, den Theater ja von gängigen Medien unterscheidet, spielt dabei eine wichtige Rolle. Das bricht jetzt alles weg.

Man stelle sich nur mal vor, dass das besonders Kinder betrifft, die sowieso in schwierigen Familienverhältnissen leben.

Genau! Und das Schlimme daran: Die Kinder und deren Bedürfnisse werden bei der ganzen Debatte komplett außen vorgelassen! Die Kinder werden nicht gefragt, es wird alles über ihren Kopf hinweg entschieden! Ich finde, das ist ein schrecklicher Vorgang, der sich da zeigt. Als hätten sie keine Rechte, sie kommen nicht zu Wort und müssen sich fügen. Dabei gibt es die UN-Konvention, dass das Recht der Kinder ebenso viel wert ist wie das Recht der Erwachsenen. Es ist, als hätte es diese Konvention nie gegeben.

„Jo, Jo, Jo, mer sinn immer noch do, do, do“

Auf die Jugendclubs, die die COMEDIA in diesem Jahr ja neu veranlasst hat, wirkt sich das wahrscheinlich auch negativ aus. Wie ist da die Rückmeldung?

Wir versuchen die Kinder bei der Stange zu halten. Die vier Jugendclubs, die sich aus unterschiedlichen Jahrgängen und Zielsetzungen zusammensetzen, führen nun Konferenzen über Zoom oder über Telefon, aber das ist natürlich keine Alternative. Wir haben die Sorge, dass das bald aus dem Blick gerät. Die Kinder müssen interagieren und sie müssen sich sehen. Das ersetzt auch keine noch so gute Videokonferenz. Außerdem verfügen nicht alle Kinder über die technischen Möglichkeiten, weil zu Hause kein Geld dafür da ist. Was passiert mit den Menschen, die sich das alles nicht leisten können?

Aber immerhin seid ihr noch weiterhin in Kontakt mit eurem Publikum.

Ja, nur muss sich das auch halten. Aber wir haben Hoffnung und wir geben alles. Das zeigt sich auch in unserem neuen Banner, das wir gerade erst an der Fassade befestigt haben und auf das Kasallas Liedzeile „Jo, Jo, Jo, mer sinn immer noch do, do, do“ gedruckt ist. Der Spruch spiegelt perfekt die Zwiespältigkeit der Gefühle wider, die wir gerade erleben. Wir sind noch da, wir sind nicht im Erdboden versunken! Und unser Publikum fehlt uns. Wir freuen uns jetzt schon, es bald wieder in unserem Haus begrüßen zu dürfen!

Foto2: MEYER ORIGINALS – Unser Gesprächspartner und der Geschäftsführer der COMEDIA Klaus Schweizer.

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